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Gespenstisch und demaskierend / Mit dem skurrilen Spektakel der Geisterspiele nutzt der Fußball seine marktbeherrschende Stellung konsequent aus.

Das Vorhaben ist legitim. Welcher Ertrinkende würde sich nicht an einen Rettungsring klammern? Zumindest moralisch heikel ist allerdings die Frage, warum dieser Rettungsring einzig und allein dem ohnehin Reichsten und Mächtigsten in der Branche zur Verfügung steht. Während die Volleyballer, Schwimmer, Leichtathleten und Ruderer selbst schauen müssen, wie sie sich irgendwie über Wasser halten. Aber gut, der Profifußball hat sich seine marktbeherrschende Stellung im Sport nun mal erkämpft, sie bisweilen mit harten Bandagen im knallharten Wettbewerb um Aufmerksamkeit auch erstritten. Daran ist nicht zu rütteln. Da mögen die ewigen Sport-Romantiker und Fürsprecher des edlen Wettstreits noch so sehr hadern. Nun soll es sie also geben, die Geisterspiele in der ersten und zweiten Liga. Irgendwann ab Mai. So Corona will. Denn die überlebensnotwendigen Fernsehgelder müssen auf Teufel komm raus fließen, Die Debatte über die Partien vor fast leeren Rängen mutet – dem Thema gemäß – bisweilen gespenstisch an. Da geht es um die große Anzahl der Tests, die die Herren Profis und ihre Klubs in dieser gesellschaftlichen Notlage für sich abgreifen. Die Damen sind ja komplett außen vor. Da wird diskutiert, die Stars so zu kasernieren wie einst die Gladiatoren im alten Rom. Da wird allen Ernstes darüber nachgedacht, das Tragen von Masken bei den Spielen vorzuschreiben. Wir wünschen viel Glück beim Kopfball! Und bitte immer schön auf körperlichen Abstand achten! Allenthalben wird derzeit prognostiziert, das zuletzt völlig überhitzte Konjunkturklima im Profifußballgeschäft werde sich im Zuge der Pandemie deutlich abkühlen. Mega-Gagen und monströse Ablösesummen würden der Vergangenheit angehören. Da mag was dran sein, allerdings wird es sich wohl um Kurzzeiteffekte handeln. Rollt der Ball erst wie gehabt, wird nach den Zuschauern und Sponsoren auch der ökonomische Irrsinn wieder einen Stammplatz in den Arenen für sich beanspruchen. Das skurrile Spektakel der Geisterspiele soll heilsame Wirkung auf die arg gebeutelte Volksseele entfalten. Da sind sich die deutschen Landesherren ausnahmsweise ziemlich einig, sogar so gestrenge wie Markus Söder. Ausgeblendet bleiben dabei naheliegende Probleme. Wie steht es um die Wettbewerbsverzerrung angesichts eines unterschiedlichen Trainingsstands der Mannschaften? Was, wenn nach dem Spiel Infektionen auftreten? Mal abgesehen vom Imageschaden: Liegt dann der Spielbetrieb sofort wieder brach, weil beide Teams in Quarantäne müssen? Segensreich werden die Geisterspiele trotz allem sein. Denn die Unterhaltungsbranche demaskiert sich selbst. Dass es sich beim Profifußball um einen am Profit orientierten Geschäftszweig handelt, in dem der Reibach mindestens ebenso viel zählt wie die Tore, ist absolut nicht verwerflich. Allerdings wurde diese Tatsache stets mit hohlen Phrasen über Vereinstreue, Werte und Vorbildfunktion kaschiert. Jetzt, da das Publikum aus guten Gründen ausgesperrt wird, sind die Fans auf ihre eigentliche Rolle als zahlende (TV-)Kunden und folkloristisches Beiwerk reduziert. Sie sind zur Not eben verzichtbar, zumindest gilt das für ihre physische Anwesenheit. Aber wie gesagt: Die Pläne des Profifußballs sind völlig legitim. Eingebrockt haben wir uns das als Fußballverrückte selbst, indem wir über einige Fehlentwicklungen gnädig hinweg- und lieber in großer Zahl zuschauten. Dieses Rad dreht selbst Corona höchstens vorübergehend zurück. Mal ein völlig verrückter Gedanke: Man könnte natürlich ersatzweise auch Leichtathletikwettbewerbe starten, um die Gier nach Live-Sport im TV zu stillen. Im Fall der Hammerwerfer und Hochspringer beispielsweise wäre das seuchenhygienisch relativ unproblematisch. Die üppigen Fernsehgelder wären entsprechend umzuleiten. Aber das klingt nun arg romantisch.

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