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Nach Boykott ist schnell gerufen / Der Sport wird es nicht schaffen, die Probleme der Weltpolitik zu lösen. Ihn isoliert zu betrachten, wäre weltfremd / Von Claus Dieter Wotruba

Der Boykott ist des Sportlers ärgster Feind. Vier Jahre arbeiten viele Athleten in vielen Sportarten auf diesen einen Moment hin. Und dann soll der weg sein? Mit einer Entscheidung, die nicht in des Sportlers Hand liegt? Es ist eine schwere Hypothek, ob sich ein Sportler jenseits der sowieso schon so vielen Faktoren, von denen sein Erfolg abhängt, auch noch mit moralischen Belangen beschäftigen muss. Er/sie hat die Vergabe nicht in der Hand, er/sie wird quer durch die Welt geschickt – und nicht groß gefragt, wie gut er/sie es wo findet. Es werden immer wieder Rufe laut nach einem Boykott. Kann einem Fußballer Fußball da Spaß machen, wo Menschen ihr Leben gelassen haben? Kann es einem Wintersportler im weltberühmten Wintersportort Peking Spaß machen, nach Medaillen zu jagen? Noch dazu mit einem staatlichen Verständnis von „Freiheit“, das unserer europäischen Seele wehtut. Wohl kaum. Manche werden sehr wohl darüber nachdenken. Leise oder laut? Es tun sich Fragen über Fragen auf. Würden die Zuschauer die Fußball-Weltmeisterschaft 2022, die im November und Dezember in Katar stattfinden wird, boykottieren, würde es das besser machen? Eine Vorhersage ist nicht schwer: Der Fußball-Anhänger sucht im Fußball Ablenkung und wird seinen Glühwein auf dem Christkindlmarkt vor der Leinwand schlürfen, wenn das wieder möglich sein sollte – und vor allem, wenn Deutschland weit kommt im Turnier. Zudem und mit Verlaub: So kurz vor Olympia und der WM seine Bedenken anzumelden, ist zu spät. Allein die Sommeraustragung bei heftigster Hitze, die zur Verlegung in den Winter und zur Saisonpause der großen Ligen führte, ist pervers, war aber schon bei der Bewerbung klar. Das Übel an der Wurzel zu packen, hieße, in diesem Stadium nicht nur auf Geld zu schauen, sondern trotz der vielen Nullen den nüchternen Blick zu behalten. Aber dieses Denken gilt beileibe nicht nur im Sport. Der Sport hat sich verändert, ist mehr und mehr zum Geschäft geworden, in dem Tricks genauso zuhause sind wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch. Es gibt freilich zu denken, dass oft schon unter den Bewerbern nur noch wenig Wahl bleibt und vieles so sehr verlockend klingt. Zumal in Ländern wie dem unseren für Olympia unter all den IOC-Forderungen, die Veranstalter ächzen und stöhnen lassen, gar keine Mehrheit mehr finden, weil schon die Bedingungen unannehmbar geworden sind. Boykott ist jetzt schnell gerufen – und würde nur helfen, wenn sich alle Großen zusammentun. Aber das ist so unrealistisch wie dass Island Fußballweltmeister wird oder ein Deutscher die 100 Meter in Weltrekordzeit läuft. Eine generelle Lösung gibt es nicht: Weltfremd ist es, zu glauben, Sport sei isoliert zu betrachten, könne Probleme ausklammern oder gar beseitigen, die die Politiker auf der Weltbühne nicht lösen. Dennoch wäre ein Stück mehr Sensibilität wünschenswert, auch wenn sich die Präsidenten in den USA, Russland oder China sicher nicht von Sportfunktionären ins Geschäft pfuschen lassen und den Handlungsspielraum extrem einengen. Aber mehr Mut in der Positionierung wäre nicht nur den Sportlern zu wünschen, sondern auch den Verbänden. Das Weltgewissen lasse heute eine Fußball-WM wie 1978 in Argentinien, wo eine Militärjunta grausam wirkte, nicht mehr zu, ist der Regensburger Ex-Bundesverfassungsrichter Professor Udo Steiner überzeugt. Hoffentlich. Denn selbstverständlich ist der Missbrauch der Strahlkraft des Sports schon immer in Umlauf. Das Stichwort „Olympia 1936 in Berlin“ genügt. Boykotte aber liefen oft genug ins Leere wie die schwerwiegendsten Fälle mit Olympia in Moskau 1980 und 1984 in Los Angeles zeigen, als einmal der Westen und einmal der Osten nicht antrat. Der Sport ist eben nur so gut wie unsere Welt.

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