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Von Deppen zu Helden / In kaum zehn Monaten wandelt sich das Team des FC Bayern von einem Extrem zum anderen. Der Erfolg von Lissabon hat nur einen Makel.Von Claus-Dieter Wotruba

Es ist etwas, was nicht einmal beim FC Bayern selbstverständlich ist. Und in München ist so vieles selbstverständlich. Vor allem Erfolg. Aber Meister und Pokalsieger werden – und dazu in derselben Saison die Champions League gewinnen? Das ist oft Wunsch, selten Wirklichkeit. Sieben Klubs Europas haben das seit 54 Jahren neunmal geschafft. Seit dem 23. August 2020 steht der FC Bayern doppelt auf der Liste. Nur Barcelona kann das noch vorweisen. Der Mensch vergisst schnell, der Sportfan noch schneller – aber die Geschichte dieses Pokalgewinns wird überdauern. Nicht nur, weil es im Corona-Format und ohne Zuschauer geschafft wurde (was in 20 Jahren aus der Gewinnerliste so gar nicht mehr ersichtlich sein wird). Vielleicht mag das allgemeine Interesse deswegen gelitten haben. Sportlich weniger wert ist der Titel indes ganz und gar nicht. Vor allem zeigt er, wie verrückt Teamsport funktionieren kann. In jüngerer Vergangenheit ist wohl am ehesten der Ingolstädter Weg zur deutschen Eishockey-Meisterschaft 2014 vergleichbar, als die eigenen Fans dem Team den Rücken zugewandt hatten, der Trainer vor der Entlassung stand und sich eine nach der Saison auflösende Mannschaft als Tabellenneunter über die Playoff-Qualifikation in bis dahin und seither ungekannter Weise zum Titel schoss. Im November 2019 galten auch die aktuelle Mannschaft des FC Bayern und ihr Umbruch als gescheitert. Die Spieler? Vermeintlich nicht bayernwürdig. Der Klub? Vermeintlich angeschlagen, vermeintlich verwundbar und vermeintlich so leicht besiegbar wie selten. Der große FC Bayern schien nur noch ein Schatten seiner selbst. Fast zehn Monate später sind dieselben Spieler Helden, haben eine faszinierende Serie hingelegt und haben alles gewonnen, was es im europäischen Vereinsfußball zu gewinnen gibt. Wer darauf gewettet hätte, hätte viel gewonnen. Erst recht, wer vor drei Jahren darauf gesetzt hätte, dass ein gewisser Hans-Dieter Flick erstens Trainer des FC Bayern wird und zweitens als zweiter Coach nach Jupp Heynckes das Triple holt. Jetzt wird schon wieder gemutmaßt, ob nicht eine neue, eine große Bayern-Ära beginnt. Bei all dem Potenzial dieser doch so großartigen Spieler. Derselben Spieler, die – auf gut Bayerisch – im Herbst 2019 noch als Deppen klassifiziert wurden. Die Faszination des Sports ergibt sich aus genau solchen Geschichten wie der dieses FC Bayern 2020. Sie zeigen jedem, dass alles möglich ist, wenn man selbst nur daran glaubt. Und wenn die rechten Leute zur rechten Zeit am rechten Platz sind. Sie zeigt, dass der Erfolg im Misserfolg seine wesentlichsten Wurzeln haben kann. Das war schon beim Bayern-Triumph von 2013 in Wembley so, der seinen Ursprung im verlorenen „Finale dahoam“ in München gegen Chelsea ein Jahr zuvor hatte. Denn großartige Spieler allein sind noch lange keine großartige Mannschaft. Und auch der namhafteste Trainer muss nicht der beste, vor allem aber nicht der passendste sein. Freilich gibt es auch eine Trübung, die gerade in der Stunde eines so großen Erfolges angesprochen werden muss. Und gerade, weil sie bei so viel Jubel, Trubel, Heiterkeit nicht untergehen sollte, was sie an den meisten Stellen der Berichterstattung sowieso schon tut und tat. Dass Paris St. Germain ein Katar-Klub ist, bei dem Geld keine Rolle spielt, weil man sich so und durch diverse internationale Meisterschaften Renommee zu erkaufen versucht, ist hinlänglich diskutiert. Dass aber auch der FC Bayern seit einem Jahrzehnt große Katar-Nähe zeigt, ist eine traurige Geschichte für einen großen Klub. Dass ein Klub wie der FC Bayern sich vor den Image-Karren eines Emirats spannen lässt, in dem Menschen- und Arbeiterrechte mit Füßen getreten werden, darf nicht sein. Es wäre eine Selbstverständlichkeit, sich da zu positionieren. Allein: Auch als Champions-League-Sieger 2020 wird der FC Bayern wohl wieder in ein Trainingslager nach Doha aufbrechen.

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